Wir leben in einer Welt der blanken Heuchelei. Die Leute predigen von Nachhaltigkeit, während das ganze Wirtschaftssystem auf geplanter Obsoleszenz basiert. Sie malen alles grün an, rennen dem Zins und Zinseszins hinterher und merken nicht, dass ständiges und unendliches Wachstum in einer begrenzten Welt am Ende nur der Atmosphäre den Sauerstoff raubt. Wir werfen unsere Werkzeuge weg, weil sie keinen Bluetooth-Anschluss haben, und preisen Kühlschränke, die nach drei Jahren irreparabel kaputtgehen.
Aber der eigentliche Schaden ist weitaus tiefer: Wir haben verlernt, ein Bündel zu sein. In der Schule haben wir noch gelernt, dass man einen einzelnen Ast leicht brechen kann, ein ganzes Bündel aber nicht. Heute zerbrechen sich die Äste praktisch freiwillig selbst, weil das System das Wichtigste zerstört hat: das Vertrauen. Man hat den Menschen beigebracht, sich voreinander zu ekeln.
Ich bin in der DDR aufgewachsen, der letzte Jahrgang mit vollen 10 Jahren POS und einer echten Abschlussprüfung danach. Damals fielen wir noch nicht auf diese sterile Panik herein. Heute wird uns eingetrichtert, jeder natürliche Aspekt des Menschen sei eklig. Alles wird rasiert, parfümiert, desodoriert. Wir betäuben unsere biologischen Instinkte. Wir suchen Partner nach Checklisten und Algorithmen aus und wundern uns, wenn das Gehirn "Ja" sagt, aber der Körper rebelliert. Die Fremdgehrate und Scheidungsrate explodieren, weil wir den anderen nicht mal mehr im wahrsten Sinne des Wortes riechen können, bevor wir uns binden. Wir sind nicht mehr kompatibel, weil wir den Kompass der Natur durch Excel-Tabellen ersetzt haben.
Ich weiß, wie sich das Echte anfühlt. Ich wuchs auf dem Land auf. Drei Häuser, Wald und Felder. Und ein Mädchen, das ich seit der 2. Klasse kannte. Diana. Wir wuchsen zusammen auf und von Anfang an konnte ich sie unfassbar gut riechen. Wir wurden ein Paar. Es war pur, echt, ohne Filter.
Aber das System aus Erwartung und Angst holte uns ein. 1994, ich war bei der Bundeswehr, probierte aus reiner Neugier einen Joint. Ohne Absturz, einfach eine lustige, unbeschwerte Erfahrung, die ich als 20-Jähriger natürlich völlig naiv mit der Frau teilen wollte, die ich liebte. Aber bei ihr ging die Schranke der Gesellschaft runter. Es gab eine Szene, das Ding ging komplett nach hinten los. Das Fazit: Trennung im Januar 1995.
Ich habe damals gelitten wie ein Hund. Mein sicherster Hafen war weg. Aus dieser einen verdammten Situation wurden 23 Jahre Kiffen, etwas, das ich nie vorgehabt hatte. Aber ich brauchte ein Pflaster. Ich musste irgendwie funktionieren, den Schmerz wegdrücken. Okay, wenn sie weg ist, dann kannst du auch weitermachen, dachte ich mir damals. 1998, als sie von ihrem neuen Freund schwanger wurde, war das Feuer für mich endgültig aus. Aber mein Herz für diese Zeit verlosch nie.
Mich zieht das heute nicht mehr runter. Wenn ich manchmal noch Tränen in den Augen habe, dann sind das keine Tränen der Verzweiflung, sondern des Respekts vor meiner eigenen Vergangenheit. Es war so, es ist so, fertig aus. Weiter vorwärts.
Genau diese Haltung sehe ich heute oft nicht mehr. Wenn ich alte Kumpels von früher treffe, mit denen ich damals mit 20 am Bahnhof gekifft und gelacht habe, und diese Anekdoten anspreche, wird es ihnen peinlich. Sie rümpfen die Nase und sagen Dinge wie: „Ich bin jetzt erwachsen, was interessiert mich meine Jugend.“ Sie haben sich ihr spießiges PR-Kostüm angezogen, schneiden ihre Thuja-Hecken und verleugnen den Jungen, der sie mal waren, nur um in ihre sterile Erwachsenen-Schublade zu passen.
Aber sich die eigene Vergangenheit peinlich berührt wegzudenken, das ist nicht erwachsen. Erwachsen sein heißt, zu wissen, wie das Uhrwerk funktioniert. Es bedeutet, zu jedem einzelnen Jahresring des eigenen Lebens zu stehen. Zu den sonnigen Tagen genauso wie zu den schmerzhaften.
Ich behalte meine Fotos, meine Narben und meine echten Erinnerungen. Wer zu seinen Jahresringen steht, der hat vielleicht nicht alles richtig gemacht, aber er hat wahrhaftig gelebt. Denn Fehler habe ich genug gemacht, es kommt auf die Korrektur an. Vor allem an sich selbst.