„Ein jüdisches Leben ist zehn Millionen palästinensische Leben wert.“ Wenn ein Jurist offen die Auslöschung ganzer Dörfer fordert und sich dabei auf Gott beruft, ist das kein Ausrutscher. Es ist die Fratze eines religiösen Fanatismus, der sich selbst als Beschützer feiert und dabei den eigenen Staat unaufhaltsam in den Abgrund reißt.
Yehuda Shimon, ein israelischer Anwalt und bekannte Figur der Siedlerbewegung, hat in einem BBC-Interview jüngst Sätze gesagt, die weltweit für Entsetzen sorgten. Auf die Frage, wie er seine extremen Ansichten rechtfertige, berief er sich nicht auf das säkulare Gesetz, das ein Jurist eigentlich verteidigen sollte. Er berief sich auf eine sakrale Überlegenheit: Gott habe sein Volk auserwählt; deshalb sei ein einzelnes jüdisches Leben das von zehn Millionen Palästinensern wert.
Wer nun glaubt, hier spräche das fromme Herz eines zutiefst gläubigen Mannes, erliegt einem jahrtausendealten Irrtum.
Der Gott der Opportunisten
Die historische Wahrheit ist schmerzhaft, aber offensichtlich: Die meisten Menschen, die Religion als Rechtfertigung für das Töten missbrauchen, sind keine wahren Gläubigen. Sie sind politische Opportunisten. Egal ob christliche Kreuzzügler, islamistische Extremisten oder eben ultranationalistische Siedler, die Mechanik bleibt stets identisch.
Ein wahrhaft gläubiger Mensch würde sich die Hand abhacken, bevor er seinen Glauben als moralische Blankovollmacht für Mord nutzt. Diejenigen, die Gewalt predigen, tun es in Wahrheit wegen Macht, Land, Kontrolle oder Rache. Die Religion dient lediglich als bequemer Werkzeugkasten: Sie liefert unantastbare Autorität, erzeugt Gruppenzugehörigkeit und gewährt vermeintliche moralische Immunität. Wer behauptet, im Namen Gottes zu handeln, entzieht sich im selben Atemzug der menschlichen Vernunft.
Doch machen wir uns nichts vor: Was Shimon und seinesgleichen betreiben, hat mit klassischer „Radikalität“ nichts zu tun. Wer radikal handelt, geht den Dingen auf den Grund (radix) und sucht tiefgreifende Veränderung, aber er tötet keine Menschen. Wer Mord und Vertreibung propagiert, ist schlichtweg ein Extremist, gepaart mit rassistischem Wahn.
Der ultimative Verrat an der eigenen Geschichte
Es ist eine geradezu makabre, schmerzhafte Realität: Dieser Mann verdankt seine bloße Existenz und Position der Tatsache, dass seine Vorfahren einer industriellen Vernichtungsmaschinerie entkommen sind, einem Regime, das sich anmaßte, Menschen in „wertvolles“ und „unwertes“ Leben einzuteilen. Und was tut er heute mit diesem geschenkten Leben? Er stellt sich hin, quantifiziert den Wert von Menschen nach Herkunft, fordert die Auslöschung ganzer Dörfer und spricht einer anderen Gruppe das Lebensrecht ab.
Das ist historische Amnesie in ihrer dunkelsten Form. Wer aus der Erfahrung der totalen Entmenschlichung nicht die unumstößliche Lehre zieht: „Nie wieder darf so etwas irgendjemandem angetan werden“, sondern stattdessen den Schluss zieht: „Jetzt sind wir an der Reihe, die Stärkeren zu sein, die über das Überleben anderer entscheiden“, der verhöhnt das Leid seiner eigenen Vorfahren. Es ist der ultimative Verrat an den Lehren der eigenen Geschichte.
Die Banalität der Überhöhung
Der Kern dieses Extremismus ist die Konstruktion einer höheren Lebensform. Doch diese Überlegenheit ist eine gefährliche, lächerliche Illusion. Niemand ist sakral unantastbar. Am Ende des Tages sind wir alle nur aus Fleisch und Blut. Wir kochen alle nur mit Wasser, und um es ganz banal auszudrücken, wir alle öffnen das Fenster, nachdem wir auf der Toilette waren. Wer anderen das elementarste Lebensrecht abspricht, ist nicht heilig. Er ist nur grausam.
Die Flucht der Vernunft
Dieser Hass hat seinen Preis, und er wird nicht von den Feinden, sondern von der eigenen Gesellschaft bezahlt. Wer die Vernunft verdrängt, muss zusehen, wie sie das Land verlässt.
Aktuelle Daten des Studienleiters Prof. Itai Ater belegen einen alarmierenden Trend: Seit 2023 steigt die langfristige Auswanderung aus Israel deutlich an. Das jahrelang stabile Verhältnis zwischen Zu- und Abwanderung ist gestört. Die Menschen, die das Land verlassen, tun dies nicht primär aus Armut oder rein wirtschaftlichen Gründen. Es ist eine Abstimmung mit den Füßen. Es sind die gut Ausgebildeten, die Säkularen, die Ärzte, Tech-Experten und Ingenieure. Sie realisieren: Wenn der Extremismus die Demografie und Politik weiter in Geiselhaft nimmt, steuert man auf einen unvermeidbaren Abgrund zu.
Der „Point of no return“
Drohende diplomatische Isolation, der Verlust internationaler Bündnisse, wirtschaftliche Sanktionen, das sind nur die harmlosen Aspekte dieses Abgrunds. Das eigentliche Risiko ist der innere Kollaps.
Ein Staat, der seine gemäßigten, klugen Köpfe verliert, weil diese das Leben unter der Herrschaft von Fanatikern ablehnen, implodiert von innen. Extremistische Fanatiker mögen laut schreien, aber sie können keine moderne Hightech-Wirtschaft und keine hochkomplexe zivile Infrastruktur am Laufen halten. Irgendwann bricht das System unter dem Eigengewicht des Hasses zusammen. Der Schutzschild, den die Weltgemeinschaft bislang bereitgestellt hat, wird verschwinden.
Leute wie Yehuda Shimon glauben, sie seien die großen Retter ihrer Nation. In Wahrheit sind sie ihre Totengräber. Der Point of no return rückt unaufhaltsam näher. Wer klug ist, begreift das, bevor es zu spät ist.