Vor den großen Religionen gab es Kulturen ohne absolute Texte, voller Balance und Flexibilität. Erst als die Wahrheit in Bücher gesperrt wurde, verlor der Mensch seine eigene Glaubwürdigkeit und machte es sich bequem, indem er die persönliche Verantwortung abgab. Es ist Zeit, diese künstlichen Fesseln abzuwerfen und endlich wieder selbst das eigene Licht entfachen zu lassen.

Das Theater der Wahrheit: Wie der Mensch seine eigene Glaubwürdigkeit aus der Hand gab

Ich war fünf Jahre alt, als ich zum ersten Mal an einem Gottesdienst in einer Kirche teilnahm. Ich blickte mich um und dachte mir unweigerlich: Was passiert hier eigentlich? Was wird hier mit all diesen Menschen gemacht? Sie waren alle wie ausgewechselt. Ich war einfach nur froh, als dieses befremdliche Theater endlich beendet war und ich aus diesem Raum flüchten konnte.

Als Kind besitzt man glücklicherweise noch einen ungetrübten Blick. Man lässt sich nicht von künstlicher Heiligkeit blenden. Man sieht schlichtweg Erwachsene, die kollektiv in eine völlig unnatürliche Rolle schlüpfen. Sie verändern ihre Stimmen, ordnen sich blind einer unsichtbaren Regie unter und legen ihre Authentizität am Eingang ab. Was ich damals instinktiv als absurde Inszenierung empfand, ist in Wahrheit exakt der historische Mechanismus, der unsere Welt in geistigen Ketten hält.

Jeder Mensch vereint in sich das Potenzial zum Schöpfer. Wir alle können aus uns selbst heraus echte Liebe geben, Verantwortung tragen und unser eigenes inneres Licht entfachen. Doch genau dieses Potenzial wird in dogmatischen Systemen systematisch unterdrückt. Gläubige suchen ihre Stärke und moralische Orientierung nicht in sich selbst, sondern im Außen bei einer rein imaginären Autorität.

Diese Bequemlichkeit hat einen katastrophalen Preis. Es ist extrem leicht, die eigene Verantwortung an etwas Höheres abzutreten. Man muss sich dann nicht mehr den Konsequenzen des eigenen Handelns stellen. Genau deshalb brauchen wir uns auch absolut nicht zu wundern, warum es seit Tausenden von Jahren immer wieder zu brutalen und maßlos eskalierenden Konflikten kommt.

Bevor monotheistische Religionen die Welt mit ihren heiligen Schriften überzogen, existierten Kulturen, die wesentlich ausbalancierter waren. Alte heidnische Gesellschaften besaßen keine starren Texte. Sie hatten mündliche Überlieferungen, die mit der Zeit atmeten und sich an die Realität anpassten. Durch die Fixierung auf heilige Texte nahm man dem Menschen schlichtweg seine eigene Glaubwürdigkeit. Plötzlich zählte nicht mehr die menschliche Erfahrung, sondern nur noch das festgeschriebene Dogma. Der Text stand von nun an gnadenlos über dem Menschen.

Diesen Schlamassel spüren wir bis heute. Wir stecken absolut fest und haben uns diese geistigen Fesseln selbst angelegt. Ein Blick auf die weltweite Politik reicht völlig aus. Die USA sind ein Paradebeispiel dafür, wie Macht und Dogma miteinander verschmelzen, aber auch andere Staaten agieren nach dem genau gleichen Prinzip. Politiker hüllen sich in religiöse Gewänder, um ihre Handlungen der weltlichen Kritik zu entziehen. Wer behauptet den Willen eines Gottes zu vollstrecken, muss sein Handeln nicht mehr vor einfachen Menschen rechtfertigen.

Wir drehen uns unablässig im Kreis. Es wird unaufhörlich immer dasselbe gepredigt und wir wundern uns, dass sich absolut nichts ändert. Der einzige Weg aus dieser massiven Stagnation besteht darin, die eigenen Fesseln als Konstrukt zu entlarven. Wir müssen aufhören uns vor imaginären Autoritäten zu ducken und endlich wieder vollumfänglich selbst Verantwortung für unsere Welt übernehmen.