Wir leben in einer Gesellschaft, die auf maximalen Konsum optimiert ist. An jeder Ecke lockt billiger Alkohol, in fast jedem handelsüblichen Lebensmittel versteckt sich Zucker, und eine milliardenschwere Industrie investiert massiv in Marketing und Suchtmechanismen, damit wir immer mehr davon verlangen. Der Einzelne ist in diesem ungleichen Kampf längst überfordert, denn die eigene Willenskraft stößt irgendwann an biologische Grenzen. Doch anstatt ihre Bürger vor dieser Übermacht zu schützen, weicht die Politik beim leisesten Aufschrei der Lobbyverbände zurück. Aus Angst, als unpopulär zu gelten, drückt sich der Staat vor seiner wichtigsten Aufgabe. Es ist höchste Zeit, dass die Politik wieder echte Autorität beweist. Eine Autorität, die nicht den Bürger gängelt, sondern der Industrie endlich klare Grenzen aufzeigt. Andere moderne Staaten machen uns längst erfolgreich vor, wie das funktioniert.

Der ungleiche Kampf und die Illusion der Eigenverantwortung

Wenn es um den massenhaften Konsum von Zucker oder Alkohol geht, verweist die Politik gerne auf die Eigenverantwortung des mündigen Bürgers. Doch diese Eigenverantwortung ist in unserem heutigen System eine bloße Illusion. Niemand entscheidet sich völlig frei und rational, wenn das Gehirn durch allgegenwärtige Dopamin-Auslöser und perfide Rezepturen auf ständige Zufuhr konditioniert wird. Die Industrie nutzt unsere neurobiologischen Reaktionen gnadenlos aus, um Gewohnheiten zu etablieren, die sich nur schwer wieder durchbrechen lassen. Wer von den Bürgern verlangt, diesem Dauerfeuer aus Werbung, billigen Preisen und ständiger Verfügbarkeit allein durch Disziplin standzuhalten, überlässt die Bevölkerung schlicht den Profitinteressen der Konzerne. Genau hier endet die private Verantwortung und die Pflicht des Staates beginnt.

Das Tabak-Paradoxon

Wie inkonsequent die Politik agiert, zeigt sich eindrucksvoll am Tabak. Hier hat der Staat längst bewiesen, dass er durchgreifen kann. Warnhinweise, massive Steuererhöhungen, Werbeverbote und massive Einschränkungen der Verfügbarkeit wurden umgesetzt, um die Bevölkerung zu schützen. Warum funktioniert das beim Tabak, aber nicht bei Zucker und Alkohol? Die Antwort ist so simpel wie entlarvend: Tabak hat seine politische Lobby und kulturelle Schutzfunktion weitgehend verloren. Alkohol und Zucker hingegen genießen einen regelrechten politischen Artenschutz. Starke Wirtschaftsverbände blockieren jede noch so sinnvolle Regulierung. Wer jedoch tatsächlichen Lebensschutz betreiben will, darf nicht nur dort durchgreifen, wo es politisch bequem ist.

Die Industrie zum Handeln zwingen

Dass es auch beim Thema Zucker anders geht, zeigt das Beispiel Großbritannien. Dort wurde eine gestaffelte Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt, die direkt bei den Herstellern ansetzt. Je mehr Zucker ein Getränk enthält, desto höher die Abgabe. Die Folge war keine massive Preissteigerung für die Bürger, sondern eine drastische Reaktion der Konzerne: Um die Steuer zu umgehen, änderten sie hastig ihre Rezepturen und reduzierten den Zuckergehalt massiv. Chile ging sogar noch einen Schritt weiter. Produkte mit einem zu hohen Gehalt an Zucker oder Fetten müssen dort ein dominantes, schwarzes Stoppschild auf der Verpackung tragen und dürfen nicht mehr an Kinder vermarktet werden. Die Industrie wurde dazu gezwungen, umzudenken, und ungesunde Impulskäufe brachen massiv ein. Der Staat hat hier Autorität bewiesen, indem er den Produzenten die Spielregeln diktiert hat, anstatt den Konsumenten zu belehren.

Preis und Verfügbarkeit als Weg aus der Alkohol-Falle

Auch beim Alkohol beweisen andere europäische Nationen echte Regierungsfähigkeit. Schottland hat einen gesetzlichen Mindestpreis für Alkohol eingeführt. Diese Maßnahme zielte punktgenau auf den billigen Industrie-Alkohol ab, der die Hauptursache für Exzesse und Sucht darstellt. Seit der Einführung gingen die alkoholbedingten Krankenhauseinweisungen signifikant zurück. In den skandinavischen Ländern wie Schweden und Norwegen wird gesundheitsschädlicher Alkohol zudem komplett aus den normalen Supermärkten verbannt und darf nur in staatlich regulierten Geschäften mit strengen Kontrollen verkauft werden. Wer Alkohol kaufen möchte, tut dies bewusst und nicht als reflexartigen Impulskauf an der Supermarktkasse. Der Staat reguliert hier die Alltagsverfügbarkeit eines potenziell zerstörerischen Stoffes und schützt so effektiv die Gesellschaft.

Die bequeme Passivität: Warum eine betäubte Gesellschaft das Regieren erleichtert

Wer verstehen will, warum die Politik tatenlos zuschaut, wie die Bevölkerung durch Suchtstoffe und Überangebot gesundheitlich und psychisch ruiniert wird, muss nach der Motivation der Entscheidungsträger fragen. Es sind keine abstrakten Systeme, die Regulierungen blockieren, sondern Menschen in Machtpositionen. Und für diese Menschen gibt es eine bittere, aber logische Motivation für ihr Wegschauen: Eine Gesellschaft, die durch ständigen Überkonsum von Zucker, Alkohol und billigen Reizen abgelenkt, müde und erschöpft ist, ist vor allem eins, bequem zu regieren.

Wer chronisch gestresst und gesundheitlich angeschlagen ist, hat schlichtweg keine Energie mehr, laute Fragen zu stellen, Missstände zu kritisieren oder politischen Druck aufzubauen. Ein mecklenburgisches Sprichwort bringt diesen uralten Mechanismus schonungslos auf den Punkt: "Supp di dun und fress di dick und halt dat Mul vor Politik" (Trink dich betrunken, iss dich dick und halt den Mund bei Politik). Wenn Entscheidungsträger um diese soziologischen Mechanismen wissen und trotzdem nichts tun, um die Gesellschaft davor zu schützen, ist das kein passiver Systemfehler mehr. Es ist ein persönlicher Missbrauch von Entscheidungsmacht aus reiner Bequemlichkeit. Wer zulässt, dass eine Gesellschaft ruhiggestellt statt gesund gehalten wird, kapituliert nicht nur vor der Lobby, er profitiert stillschweigend von der Erschöpfung seiner eigenen Bürger.

Wahre staatliche Autorität bedeutet Schutz und nicht Bevormundung

Wenn eine Regierung solche Maßnahmen umsetzt, hagelt es unweigerlich Proteste von Wirtschaftsverbänden, die eine „Bevormundung“ beklagen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wahre staatliche Autorität bedeutet nicht, dem Einzelnen seine Eigenständigkeit zu nehmen. Sie bedeutet, ein Spielfeld zu schaffen, auf dem die gesunde Entscheidung nicht länger der schwerste Weg ist. Wenn eine Gesellschaft von Reizen, Suchtstoffen und Überangebot erdrückt wird, ist es die absolute Pflicht der Politik, sich vor ihre Bürger zu stellen. Ein Staat, der seiner Industrie klare Grenzen setzt, befreit seine Bevölkerung von unsichtbaren Zwängen. Schutz der Allgemeinheit ist nicht verhandelbar und eine funktionierende Demokratie braucht genau diese durchsetzungsstarke Autorität, um ihn zu gewährleisten.