Jeder, der die politischen Dynamiken im Netz auch nur mit einem halben Auge beobachtet, weiß eine Sache ganz genau: Die Zeiten, in denen echte Hardcore-Extremisten ihre Pläne, Parolen und Umsturzfantasien lauthals in öffentlichen Facebook-Gruppen oder offenen Telegram-Kanälen hinausposaunten, sind längst vorbei. So dumm ist heute niemand mehr, der ernsthaft organisiert ist. Wer das heute noch tut, der rechnet fest damit, dass am nächsten Morgen um 6 Uhr das Rollkommando an der Tür klopft und er im Bademantel abgeführt wird. Wirkliche Radikalisierung und Vernetzung finden heute im Verborgenen statt, hinter geschlossenen, digitalen Türen.
Und trotzdem: Die Kommentarspalten und öffentlichen Gruppen sind voll von extremen, grenzüberschreitenden Posts, die aussehen wie das perfekte Klischee eines radikalen Verfassungsfeindes. Das wirft eine simple, aber alles entscheidende Frage auf: Wenn echte Extremisten längst viel zu klug sind, um öffentlich Pöbeleien unter Klarnamen oder leicht verfolgbaren Profilen zu posten, wer stellt diesen ganzen Müll dann eigentlich online? Wer investiert die Zeit, die Infrastruktur für Bot-Netzwerke und geht das Risiko strafrechtlicher Verfolgung ein? Trolle, die einfach nur Spaß am Chaos haben, riskieren eher selten Kopf und Kragen. Bots fallen nicht vom Himmel, sie kosten Geld und müssen betrieben werden.
Hier fällt der Blick unweigerlich auf staatliche Akteure. Dass Behörden wie der Verfassungsschutz hunderte anonyme Online-Profile betreiben, ist längst kein Geheimnis mehr. Sie seien „rein passiv“, heißt es offiziell. Sie dienen nur der „Beobachtung“. Und genau an diesem Punkt betreten wir den Raum, in dem sich gesunder Menschenverstand und bürokratische Aktenlage voneinander trennen.
Wer hier skeptisch wird, erntet oft die Forderung nach dem 100-prozentigen, juristisch wasserdichten Beweis. „Beleg doch mal, dass der Staat aktiv mitmischt und Diskussionen eskaliert!“, heißt es dann. Man verlangt quasi einen politischen DNA-Test. Doch wer ernsthaft glaubt, dass Machtstrukturen immer nur passiv zuschauen, wenn sich für sie potenziell gefährliche Gruppen organisieren, verwechselt die Realität mit einem Gerichtssaal.
Wir Menschen haben bis heute nicht überlebt, weil wir immer auf den juristischen Beweis gewartet haben. Wir überleben, weil wir Wahrscheinlichkeiten berechnen und Muster erkennen. Kein Fischer der Welt hat den exklusiven, wissenschaftlichen Beweis, dass genau an einer bestimmten Stelle im Ozean Heringe schwimmen. Er hat keine Satellitenbilder, die ihm im Vorfeld jede einzelne Gräte bestätigen. Aber er hat die Erfahrung, er kennt das Muster, er hat die Gewissheit aus der hohen Wahrscheinlichkeit, er wirft sein Netz aus und am Ende macht er oft seinen Fang.
Machtlogik funktioniert nicht anders. Ein Staat betreibt sich nicht von selbst. Er wird von biologischen Wesen betrieben. Und biologische Wesen handeln nach Instinkt, nach Machterhalt und nach Risikoabschätzung. Wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass staatliche Akteure sich im Netz nicht nur verhalten wie stumme Zuschauer, sondern aktiv eingreifen, provozieren oder Gruppen durch gezielte Regelverstöße zersetzen, dann brauchen wir dafür keine unterschriebene Geständnis-Akte aus dem Innenministerium.
Manchmal reicht ein Treffer in den Bauch; es muss nicht immer direkt zwischen die Augen sein. Wer etwas tun kann, um seine Macht zu sichern und unbequeme Strukturen anzugreifen, der tut es oft auch, vor allem dann, wenn er sich sicher hinter Mauern der Geheimhaltung verschanzt hat, die ihn vor Beweisbarkeit schützen.
Das zu erkennen, ist keine Verschwörungstheorie. Es ist vielmehr die schlichte Weigerung, die eigene menschliche und biologische Logik an der Garderobe der Bürokratie abzugeben.
Und wer jetzt mit dem Vorschlaghammer, Model: Verschwörungstheorie kommt, seien Sie sich gewiss, wir sind hervorragende Handwerker.