Auf den digitalen Plattformen formiert sich wieder Empörung. Da fordert jemand von der AfD, man müsse die Kirchen abschaffen, und sofort schlagen die Wellen hoch. Es geht um Tradition, um Identität, um den Angriff auf das vermeintlich Heilige. Doch wenn wir ehrlich sind, kratzt diese spezielle Debatte nur an der ideologischen Oberfläche.

Machen wir das Bild größer: Es geht hier nicht nur um das Christentum. Es betrifft die drei großen monotheistischen Religionen gleichermaßen. Ob Kirche, Moschee oder Synagoge, ob Jesus, Allah oder Jahwe, psychologisch betrachtet ist es exakt dasselbe System, nur unter anderen Namen. Könnte das nicht eigentlich alles weg? Die historische Antwort, die sich quer durch die Geschichtsbücher zieht, ist schmerzhaft eindeutig: Diese religiösen Strukturen haben mehr Leid, Konflikte und Machtmissbrauch erzeugt als fast jede andere menschliche Institution.

Es geht hier nicht um Spiritualität. Echte Spiritualität ist innere Wahrnehmung, Selbstverantwortung und Bewusstheit. Religion hingegen, in all ihren monotheistischen Ausprägungen, ist Organisation, Machtstruktur und vor allem eines: die massenhafte Auslagerung von Verantwortung.

Die bequeme Abkürzung der Moral

Viele Menschen suchen Liebe, Halt und Sinn bei etwas außerhalb von sich selbst, anstatt diese Dinge in sich zu finden. „Jesus wird’s schon richten“, „Es ist Gottes Wille“ oder „Inschallah“, die Vokabeln ändern sich, doch das Muster bleibt das gleiche. Das klingt tröstlich, ist aber in Wahrheit zutiefst bequem. Wenn Moral nicht aus einem selbst kommt, sondern aus strengen Schriften oder von einer Klerus-Autorität diktiert wird, wird sie nicht mehr reflektiert, sondern nur noch befolgt.

Religion bietet ein psychologisches Pflaster für die Angst vor der Eigenverantwortung. Es ist die Flucht vor der inneren Stärke. „Ich bin gut, weil mein Gott mich liebt und ich seine Regeln befolge“ ist eine schöne Erzählung, aber sie verhindert echte Entwicklung. Wer seine Verantwortung an eine höhere, absolute Instanz delegiert, weicht der Realität aus.

Die Programmierung der Kinder

Am deutlichsten zeigt sich die Gefahr dieses Systems bei denen, die sich noch nicht wehren können. Kinder kommen frei auf die Welt. Sie besitzen eine natürliche Klarheit, eine ungetrübte Wahrnehmung und pure, unprogrammierte Substanz. Sie brauchen keine religiöse Instanz, um die Welt zu begreifen.

Doch genau hier setzen religiöse Dogmen an. Sie arbeiten an diesen Kindern, bis der innere, organische Kompass durch ein externes Regelwerk aus Geboten und Sünden ersetzt ist. Aus der anfänglichen Freiheit wird schleichend Unfreiheit. Ihnen wird unbewusst beigebracht, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen und stattdessen einer unsichtbaren Autorität zu gehorchen. Wer Menschen früh von ihrer eigenen Substanz entfremdet, erzieht Erwachsene, die lenkbar, abhängig und autoritätshörig sind.

Das ohrenbetäubende Schweigen der Dissonanz

Wer diese Mechanismen öffentlich anspricht, erlebt ein faszinierendes Phänomen. Man erntet selten lautstarken Widerspruch, fundierte Gegenargumente oder offene Diskussionen. Man erntet absolute Stille. In den Kommentarspalten bleibt nicht einmal ein spöttisches Emoji zurück. Nichts.

Diese Stille ist kein Desinteresse, sie ist der psychologische Notfallmodus: Freeze. Wenn man Menschen, die ihr Leben lang auf externe Narrative vertraut haben, spiegelbildlich mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr Glaube oft nur ausgelagerte Verantwortung ist, löst das maximale kognitive Dissonanz aus. Wer auf tiefe Substanz trifft, aber nur an Oberflächen gewöhnt ist, verstummt. Eine Antwort würde erfordern, das Fundament der eigenen Identität zu hinterfragen. Das ist für viele schlicht zu viel.

Substanz als Lebensgrundlage

Zu sagen, dass wir all diese religiösen Konzepte nicht brauchen, ist kein Angriff auf den Menschen. Es ist keine Denunziation. Es ist die Benennung einer schlichten Notwendigkeit.

Wenn man Religionen abschafft, stirbt niemand. Wasser bleibt Wasser, Physik bleibt Physik, die Realität bleibt bestehen. Wenn man jedoch die Substanz einer Gesellschaft abschafft, also Eigenverantwortung, Klarheit, Integrität und den Mut, die Realität so zu sehen, wie sie ist, dann bricht alles zusammen. Eine Gesellschaft ohne innere Substanz ist wie ein Körper ohne Immunsystem: völlig wehrlos und manipulierbar.

Manche Dinge müssen gesagt werden, nicht um Applaus zu ernten, sondern weil sie wahr sind. Wer aus innerer Substanz agiert, ist nicht hier, um zu gefallen. Er bewegt sich mit Absicht, nicht mit Erlaubnis. Es geht nicht darum, den Glauben der anderen zu bekämpfen. Es geht darum, das Fundament zu schützen, das uns überhaupt erst zu freien und handlungsfähigen Menschen macht.