Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hält sich in westlichen Hauptstädten ein hartnäckiges Narrativ: Man müsse die Ukraine nur lange genug militärisch unterstützen, um Russland strategisch, wirtschaftlich und militärisch ausbluten zu lassen. Führende Politiker formulieren es mal offener, mal diplomatischer, doch das Ziel bleibt die Zermürbung einer feindlichen Großmacht. Diese Doktrin mag auf dem Papier westlicher Thinktanks schlüssig klingen, doch sie leidet an einem fundamentalen Konstruktionsfehler: Sie ignoriert die globale Realität und behandelt Russland, als stünde es geopolitisch allein auf weiter Flur.
Wenn man den Blick vom europäisch-amerikanischen Zentrum löst, zeigt sich ein völlig anderes Bild. Der Westen, Europa, Nordamerika, Japan und Australien, repräsentiert kaum mehr als zwölf Prozent der Weltbevölkerung. Der große Rest der Welt nimmt an den Sanktionen nicht teil. Viel entscheidender ist jedoch, dass Russland in ein dichtes Netz von Staaten eingebunden ist, die aus reinem Eigeninteresse einen Zusammenbruch der russischen Macht niemals zulassen würden. Allen voran China. Für Peking ist ein geopolitisch unversehrtes Russland überlebenswichtig. Fiele Russland, stünde die NATO direkt an Chinas nördlicher Grenze und die Vereinigten Staaten hätten freie Hand im Pazifik. China unterstützt Russland daher nicht aus Verbundenheit, sondern aus purem strategischem Selbsterhaltungstrieb, mit Technologie, Logistik und einer beispiellosen wirtschaftlichen Flankierung.
Hinzu kommen Akteure, die in westlichen Kalkulationen oft völlig unterschätzt werden. Nordkorea verfügt über eine gigantische, kriegserprobte Rüstungsindustrie und enorme Artilleriereserven, die als strategischer Hebel dienen. Der Iran teilt jahrzehntelange Erfahrung im Umgehen von Sanktionen und liefert militärische Technologie. Indien und ein Großteil des globalen Südens kaufen derweil russische Energieträger ab, stabilisieren den Rubel und signalisieren deutlich, dass sie an einer westlich dominierten Weltordnung kein Interesse mehr haben.
Die Idee, Russland ließe sich durch einen Abnutzungskrieg in der Ukraine isolieren und in die Knie zwingen, ist eine gefährliche Selbsttäuschung. Der Westen ist ein auf globalisierten Handel optimiertes "Friedenssystem". Ihm fehlen zunehmend die industriellen Kapazitäten für einen endlosen Materialkrieg, während Länder wie Russland oder China ihre rohstoffreichen und hochgradig autarken Krisensysteme hochfahren. Russland würde im Falle einer maximalen Eskalation schlicht niemals allein bleiben. Würde es wirklich eng, stünde der Westen nicht nur Moskau, sondern faktisch dem industriellen, demografischen und logistischen Rückgrat Asiens gegenüber.
Vor diesem Hintergrund wird die Tragik der Zermürbungsstrategie besonders deutlich. Ein Stellvertreterkrieg, der eine Großmacht erziehen oder maßregeln soll, erreicht sein politisches Ziel nicht, da diese Großmacht durch ihre Allianzen abgefedert wird. Wer diesen "Denkzettel" stattdessen bezahlt, sind nicht die Politiker in den Bunkern und Palästen. Es sind die Familien, die Kinder, die Alten und diejenigen, die einfach nur leben wollten und nun zwischen die Fronten der Machtblöcke geraten sind.
Die Fortsetzung dieser Eskalation in der Hoffnung auf einen totalen Sieg ist keine sinnvolle Außenpolitik mehr, sondern ein Festhalten an Illusionen. Die multipolare Weltordnung lässt sich nicht auf dem ukrainischen Schlachtfeld durch westliches Wunschdenken aufhalten. Je länger man an der Vorstellung festhält, Russland völlig zermürben zu können, desto mehr unschuldiges Leid wird produziert, ohne dass sich die globalen Machtverhältnisse auch nur einen Zentimeter in die gewünschte Richtung bewegen. Es ist an der Zeit für einen schonungslosen Realismus, der anerkennt, dass dieser Krieg militärisch nicht aus der Welt geschafft werden kann.