Menschen fliehen nicht zu uns, weil Europa so großartig ist. Sie kommen in das „Moderne Rom“, um sich dorthin aufzumachen, wo der Reichtum liegt, der ihren Vorfahren über Jahrhunderte geraubt wurde. Wer das benennt, entlarvt die koloniale Lüge. Und wenn diese Narrative fallen, dann fallen sie eben. Die Wahrheit lässt sich nicht durch Memes aufhalten.

Das „Moderne Rom“ und die koloniale Lüge im Newsfeed: Warum rassistische Memes keine Meinung sind, sondern Ablenkung

Es ist ein billiger Trick im JPEG-Format, und er taucht in schöner Regelmäßigkeit in unseren Timelines auf: Ein Bild von den prächtigen Marmorbauten Roms vor 2000 Jahren. Daneben ein Bild von afrikanischen Lehmhütten, versehen mit dem spöttischen Untertitel: „Versteht ihr es jetzt? Es kommen KEINE Fachkräfte!!!“

Der Reflex vieler Menschen ist es, sich darüber aufzuregen. Doch wer nur über das Bild streitet, tappt genau in die Falle, die hier aufgestellt wurde. Solche Bilder sind keine dummen Meinungsäußerungen. Sie sind strategische Werkzeuge.

Sie sollen spalten, aufheizen und vor allem: ablenken.

Der 500 Jahre alte Wahrnehmungsfehler

Die Architektur dieses Memes und das im wahrsten Sinne des Wortes, ist eine exakte Kopie der kolonialen Brille, die Europa sich vor 500 Jahren aufsetzte. Als die europäischen Eroberer in andere Teile der Welt vordrangen, sahen sie Zivilisationen, die im Einklang mit ihrer Natur lebten. Sie sahen Häuser aus Naturmaterialien, Gemeinschaften ohne unendlichen, perversen Expansionsdrang und Gesellschaften, in denen Maßlosigkeit kein Tugendbegriff war.

Und sie fällten ein Urteil, das ihnen als Waffe diente: „Die sind nicht zivilisiert. Die sind primitiv.“

Es war eine Erzählung, die dringend gebraucht wurde. Denn wer anderen die Zivilisation abspricht, legitimiert im selben Atemzug Landraub, Versklavung, Ausbeutung und die Zerstörung ganzer Kulturen. Architektur wurde zum Maßstab menschlichen Wertes erhoben; Technologie zur Ausrede für Brutalität.

Das Meme greift genau diese koloniale Ignoranz wieder auf. Es suggeriert: Weil eine afrikanische Hütte nicht aussieht wie das Kolosseum, sind die Menschen dort rückständig und haben uns nichts zu bieten.

Die bewusste Lüge der Bilder und die wahre Rückständigkeit

Wären die Gestalter solcher Memes auch nur einen Funken ehrlich, würden sie nicht die natürlich gewachsene, in sich funktionierende afrikanische Gesellschaftsstruktur als Gegenbild zu Rom zeigen. Sie würden die echten Auswüchse ihres eigenen kolonialen Einflusses abbilden: die verkommenen Städte, die ausgebeuteten Regionen, den hinterlassenen Schutt der beständigen westlichen Einmischung.

Aber das tun sie nicht. Denn dann würden sie sich selbst verraten. Also müssen sie die Menschen des afrikanischen Kontinents, wie eh und je, als rückständig und minderwertig framen, um von einer bitteren Wahrheit abzulenken: Das eigene westliche System ist in Wahrheit das, was zutiefst rückständig und minderwertig ist.

Eine Gesellschaft ist immer nur genau so viel wert wie ihr schwächstes Glied. Wer den wahren Zivilisationsgrad unseres Systems messen will, muss nicht auf antike Marmorsäulen schauen. Man muss sich nur an unseren Bahnhöfen umsehen, in den Ghettos und Slums der westlichen Welt. Ein System, das im Zentrum seines Reichtums derartige Verelendung produziert und seine eigenen Schwächsten derart im Stich lässt, hat sich längst selbst entwertet.

Das „Moderne Rom“ und die unweigerliche Konsequenz

Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer „Fachkraft“ im westlichen, ökonomisierten Sinn und einer Kraft im Sinne von Widerstandsfähigkeit und kultureller Tiefe, jene Kraft, die wir im Westen längst verloren haben.

Rom hat sich den Globus zu eigen gemacht, und das tut es bis heute. Es wird nur nicht mehr „Römisches Reich“ genannt. Die Schuldigen für die globalen Fluchtbewegungen sitzen nicht in Afrika. Sie sitzen nicht im Nahen Osten. Sie sitzen im „Modernen Rom“, direkt bei uns.

Menschen migrieren nicht unter Lebensgefahr, weil Europa ach so toll, modern oder moralisch überlegen wäre. Sie kommen, weil Europa über Jahrhunderte von ihnen genommen hat: Rohstoffe, Arbeitskraft, Land, politische Stabilität und Zukunftsperspektiven. Sie kommen, um sich in den Zentren der Macht das zurückzuholen, was ihren Regionen auf brutale Art und Weise entzogen wurde.

Das Trauma und das Wissen um diese Ausbeutung verschwinden nicht. Sie wurden an unzähligen Lagerfeuern von Generation zu Generation weitergetragen. Wenn nun die Nachfahren der Ausgebeuteten an die Türen des Modernen Roms klopfen, dann ist das kein Angriff auf Europa. Es ist ein historischer Rückstrom. Es ist das Eintreten von Ursache und Wirkung.

Angst vor dem Fall der Narrative

Das ist der wahre Grund, warum Memes wie dieses tausendfach geteilt werden. Sie sind ein verzweifelter Versuch der Ablenkung aus purer Angst. Wer auf Lehmhütten zeigt, muss nicht über die unfairen Handelsverträge sprechen, die Afrika bis heute ausbluten lassen. Wer über fehlende „Fachkräfte“ lacht, muss nicht darüber reden, wie europäischer Reichtum wirklich zustande kam.

Doch die Schichten dieser alten Strategie werden in Europa zunehmend abgetragen. Immer mehr Menschen beginnen, die Zusammenhänge auszugraben, die Machtstrukturen offenzulegen und die koloniale Lüge zu dekonstruieren.

Wenn diese Arbeit getan ist, stehen die Propagandisten dieser Ablenkung nackt, entblößt und delegitimiert da. Ihr Narrativ bricht zusammen. Sie verlieren ihre Deutungshoheit, ihre Komfortzone und ihre Macht über den Diskurs. Und das ist eine absolute historische Notwendigkeit.

Wer dabei fällt, der fällt eben. Nicht durch Gewalt, sondern durch das unaufhaltsame Gewicht der Wahrheit.