Es ist ein Phänomen, das so verlässlich auftritt wie das Amen in der Kirche. Sobald ein Text länger, fundierter und vernetzter ist als der durchschnittliche Social-Media-Häppchen-Post, kommen sie aus der Deckung: Die Krakehler, die lautstark verkünden, dass "niemand so lange Texte liest" und einem exakt erklären wollen, wie kurz eine Botschaft sein muss, um "die Leute" zu erreichen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell die wahre Natur dieser Kritik. Es geht diesen Kommentatoren überhaupt nicht um die Anzahl der Wörter oder die Ökonomie der Sprache. Es geht um eine panische Abwehrreaktion. Wer das Format angreift, muss sich inhaltlich nicht blamieren. Diese lautstarke Kritik an der Textlänge ist der intellektuelle Offenbarungseid einer Gesellschaft, die das Aushalten von Komplexität und geistiger Tiefe schlichtweg verlernt hat.

Das verräterische Element daran ist die eklatante Doppelmoral bei der eigenen Aufmerksamkeitsspanne. Dieselben Menschen, die keine zehn Minuten für einen gut durchdachten Gedanken aufbringen können, scrollen völlig problemlos drei Stunden am Stück durch belanglose Kurzvideos oder sitzen 90 Minuten gebannt vor einem Fußballspiel. Zeit und Konzentrationsfähigkeit sind also keineswegs verschwunden, sie werden nur hochgradig selektiv eingesetzt. Sie fließen ausschließlich dorthin, wo es bequem ist. Ein langer Text zwingt dazu, sich zu konzentrieren, Zusammenhänge zu begreifen, Ambivalenzen auszuhalten und sich im schlimmsten Fall selbst zu hinterfragen. Ein Fußballspiel hingegen ist emotional simpel, vorhersehbar und erfordert keinerlei Selbstreflexion. Das Gehirn wählt immer den Weg des geringsten Widerstands, wenn man es lässt.

Doch hier offenbart sich ein noch viel tiefgreifenderes, fast schon tragisches Symptom unserer Kultur. Selbst bei trivialen, emotional flachen Ereignissen wie dem Verfolgen eines Sportereignisses benötigen viele Menschen mittlerweile Alkohol, um überhaupt 90 Minuten vor Ort oder vor dem Bildschirm existieren zu können. Die innere Unruhe, der schleichende Dauerstress und die ständige Reizüberflutung haben dazu geführt, dass wir unsere Nervensysteme chemisch herunterregulieren müssen, um einfache Unterhaltung zu ertragen. Wenn aber schon für Oberflächlichkeiten zwingend eine Betäubung notwendig ist, verwundert es nicht, dass echte geistige Tiefe unweigerlich als unerträglicher Angriff empfunden wird. Tiefe verlangt Nüchternheit, Klarheit und ungeteilte Präsenz. Wer sich jedoch permanent betäubt und ablenkt, um die eigene Leere nicht spüren zu müssen, für den ist Tiefe keine Inspiration, sondern eine massive Bedrohung seiner Komfortzone.

Befeuert wird diese kollektive Flucht vor dem Denken von einer medialen Maschinerie, die die Oberflächlichkeit aus rein kommerziellen Gründen zur Kunstform erhoben hat. Die Räume für echten Diskurs versanden zunehmend. An die Stelle von Analyse, Kontext und Struktur ist die pure Emotionalisierung getreten. Empörung verkauft sich besser als Erkenntnis, und komplexe Sachverhalte werden auf personalisierte Konflikte und moralische Kurzschlüsse reduziert. Das gesellschaftliche Gehirn wird systematisch auf 3-Sekunden-Impulse trainiert. Trifft ein derartig konditionierter Geist nun auf einen Text, der eine fundierte Argumentation aufbaut, empfindet er das nicht als intellektuelles Angebot, sondern als Überforderung. Die Reaktion darauf ist kein Gegenargument, sondern Projektion: Die eigenen Defizite werden zur allgemeingültigen Regel erklärt. "Der Text ist zu lang" bedeutet in Wahrheit "Ich bin nicht mehr in der Lage, ihn zu bewältigen".

Die logische Konsequenz daraus ist nicht, sich anzupassen und ebenfalls in Schlagwörtern zu kommunizieren. Wer ernsthaft über Themen reflektieren will, schreibt nicht lang, um zu schwafeln, sondern um den Dingen auf den Grund zu gehen. Dabei geht es nicht darum, die unaufmerksame Masse zu erreichen. Lange Texte sind der effektivste Filter unserer Zeit. Sie ziehen automatisch die wenigen Menschen an, die noch bereit sind zu denken, und sie sortieren all jene aus, die nur noch reagieren wollen.

Die Krakehler dürfen gerne bei ihrer lauten Oberflächlichkeit bleiben. Ich bin nicht hier, um zu gefallen. Ich bewege mich mit Absicht, nicht mit Erlaubnis.