Es ist heiß in Sachsen-Anhalt. 38 Grad, Zweitakt-Gemisch in der Luft, Bratwurst auf dem Grill. Hunderte Menschen treffen sich, um die legendären Simson-Mopeds zu feiern. Ein Stück ostdeutsche Identität, organisiert von der lokalen AfD. Was tut ein ambitioniertes TV-Format wie Stern TV, um aus diesem harmlosen Volksfest einen sendefähigen Skandal zu pressen? Richtig: Man bestellt sich moralische Empörung per Langstreckenflug aus New York.

Die ersten Minuten der Reportage lesen sich wie ein journalistischer Unfall, den die Redaktion eigentlich unbedingt vermeiden wollte: Die Menschen vor Ort sind gut gelaunt, trinken Limo und erfreuen sich an knatternden S51-Mopeds und Schwalben. Keine dunklen Marschkolonnen, keine hochgereckten Arme, nur normale Leute, die sich in ihrem Heimatgefühl bestätigt sehen wollen.

Dramaturgisch ist das für das Fernsehen ein Albtraum. Es fehlt der Twist. Es fehlt das abgrundtief Böse.

Hier betritt das Ass aus dem Ärmel die Bühne: Dennis Baum. 82 Jahre alt, wohnhaft in den USA und Ururenkel des Firmengründers Simson. Die jüdische Familie wurde 1935 von den echten Nationalsozialisten enteignet, ein nicht zu leugnender, historischer Fakt. Doch anstatt diese bittere Familiengeschichte in ihrem echten historischen Kontext zu belassen, wird der Senior als juristisches Maskottchen für ein modernes TV-Narrativ eingespannt.

Die Phantom-Klage der ahnungslosen Erben

Vor laufender Kamera verkündet Baum stolz den Familienbeschluss: Die fünf Erben wollen notfalls juristisch gegen die Nutzung des Namens durch die AfD vorgehen. Man werde „eine erhebliche Anstrengung unternehmen“ und man halte sich fest „die Kosten unter uns aufteilen“!

Es ist ein heldenhafter Satz. Ein Satz wie aus einem Blockbuster. Es gibt nur ein winziges Problem: Die fünf Senioren aus den USA besitzen exakt null Prozent der Markenrechte an Simson. Nach der NS-Enteignung, Jahrzehnten als DDR-Volkseigentum (VEB) und der späteren Abwicklung durch die Treuhand liegen die Rechte heute bei völlig anderen Unternehmen, wie etwa der MZA. Die tapferen Erben klagen also gegen einen juristischen Schatten. Ein amerikanischer Anwalt dürfte sich bei diesem Mandat lachend auf die Schenkel klopfen. Aber im Fernsehen klingt „Wir teilen uns die Kosten“ eben wunderbar moralisch und entschlossen.

Der Held, der zu den Falschen sprach

Um den Wahnsinn auf die Spitze zu treiben, reist der 82-jährige Baum extra aus New York nach Deutschland an. Wochenlang hat er phonetisch deutsche Sätze einstudiert, um das Erbe gegen die AfD zu verteidigen. Als Zuschauer erwartet man nun einen epischen Showdown. Und wo hält er diese hart erarbeitete Rede? Auf dem Parteitag? Im verbalen Nahkampf mit dem politischen Gegner?

Nein. Er steht auf der Bühne der Gegendemonstranten neben der Messehalle. Er ist Tausende Kilometer geflogen, um Menschen, die ohnehin schon gegen die AfD protestieren, in gebrochenem Deutsch zu erklären, dass die AfD schlecht ist. Er predigt buchstäblich zu den Bekehrten.

Auf die Nachfrage des Reporters, ob er überhaupt mit den Leuten auf dem Moped-Treffen oder in der AfD gesprochen habe, folgt die entwaffnend ehrliche Antwort, die die ganze Stern-TV-Inszenierung endgültig wie ein billiges Kartenhaus zum Einsturz bringt: „Mit diesen Leuten reden wir nicht.“

Fazit: Hauptsache, das Drehbuch stimmt

Am Ende offenbart die Sendung schonungslos, wie moderner Haltungsjournalismus funktioniert. Wir sehen einen Reporter, der völlig deplatziert versucht, einfache Passanten vor laufender Kamera mit Kriminalstatistiken von 2024 in die Enge zu diskutieren. Und wir sehen eine TV-Redaktion, die ahnungslose US-Senioren ohne jegliche Markenrechte und ohne Kenntnis der deutschen Innenpolitik instrumentalisiert, um die eigene Empörungs-Story rund zu machen.

Die AfD jedenfalls kann sich entspannt zurücklehnen und die Mopeds knattern lassen. Eine bessere, weil unfreiwilligere Realsatire über die verzweifelte Arbeitsweise mancher Medien hätten sie sich selbst gar nicht ausdenken können.