Wenn man sich heute den Auftritt eines ehemals stoischen DJs wie Westbam auf der Nature One ansieht, hält man es oft keine fünf Minuten mehr aus. Da steht kein tiefenentspannter Künstler mehr am Pult, der die Menge führt, sondern ein Entertainer, der verzweifelt herumhampelt. Er bewegt sich nicht mehr aus einem inneren Antrieb heraus, sondern weil die Kameras permanent neues Futter für den nächsten massentauglichen Social-Media-Clip brauchen. Er bewegt sich nicht mehr mit Absicht, sondern er kaspert mit Erlaubnis der Regie. Dieses Bild ist symptomatisch für ein Phänomen, das unsere komplette Event-Landschaft befallen hat. Es ist der sichtbare Beweis dafür, dass große Festivals keine Kulturereignisse mehr sind, sondern bis zur Unkenntlichkeit optimierte Investitionsobjekte.

Die Architektur der Profitoptimierung

Wirft man aus der Vogelperspektive einen Blick auf die Flächen der großen deutschen und belgischen Freiluft-Events, sieht man sofort, was all den Jahren zum Opfer gefallen ist. Früher flossen diese Orte wie ein lebendiger Fluss. Wege entstanden organisch, weil die Menschen sie einfach so abliefen, und Bühnen wurden dort errichtet, wo es atmosphärisch am besten passte. Heute erinnern diese gigantischen Gelände nur noch an den starren Bauplan eines Computer-Motherboards. Wo früher Wiese, Wald und freies Treiben zelebriert wurden, dominieren heute eckige Raster, exakt gezogene Kabeltrassen, unpassierbare VIP-Zonen und riesige Sponsorenflächen. Das Gelände wirkt wie eine grüne Platine, auf der die feiernden Menschen lediglich die Leuchtdioden darstellen, die man einmal im Jahr streng nach Businessplan zum Blinken bringt.

Der organisierte Tod der Liquid Time

Das eigentlich Schmerzhafte daran ist die Tatsache, dass es ausgerechnet jene Festivals getroffen hat, die in den Neunzigerjahren als völliger Gegenentwurf zur kommerziellen Welt gestartet sind. Das Jahr 2004 markiert hier für viele Veteranen den endgültigen Wendepunkt. Pionierprojekte wie Fusion, Liquid Time, VooV, Antaris, Indian Spirit, und noch einige mehr, waren in ihren Anfangsjahren schlichtweg andere Planeten. Der Sound lag wie eine riesige Glocke über dem gesamten Acker, atemberaubend dicht und von einer ehrfürchtigen Atmosphäre getragen. Doch ab einem bestimmten Punkt hat die Industrie erkannt, wie viel ungebündelte Energie und vor allem wie viel Geld in dieser Form von Feierkultur steckt. Diese Magie ist nicht per Zufall verdunstet, sie wurde kaltblütig gekapert. Clevere Event-Agenturen und handfeste Kriminelle aus der Unterwelt rissen das Ruder an sich, zogen hohe Zäune um das grenzenlose Gefühl, machten die Subkultur skalierbar und drehten der sogenannten Liquid Time rigoros den Saft ab.

Die falschen Treibstoffe

Mit der feindlichen Übernahme durch den Kommerz wandelten sich auch die bevorzugten Konsumgewohnheiten der tanzenden Massen. In der Pionierzeit der Rave- und Goa-Kultur dominierten noch bewusstseinserweiternde und erdende Begleiter wie Hasch, Gras, LSD und Pilze, wenig Speed, etwas XTC. Sie lösten das Ego auf, förderten die Empathie und verschmolzen das Publikum miteinander zu einem echten Kollektiv. Doch als das System profitabler und härter wurde, änderten sich auch die Schwingungen auf dem Dancefloor drastisch. Kokain, und später der massive Verkauf von Alkohol drängten auf die Plätze und zerstörten das empfindliche Biotop. Anstelle von kollektiver Gelassenheit machten sich Kälte, Egoismus und grundlose Aggressionen breit. Harte Drogen und Alkohol sind letztlich die perfekten Treibstoffe für das neue Motherboard-Raster, da sie ideale Begleiter für teure Absperrungen, elitäres VIP-Denken und das plumpe Posen für Aftermovie-Drohnen sind.

Eine seelenlose Kulisse entlarvt sich selbst

Würde man bei einem dieser modernen Event-Giganten aus einem Experiment heraus plötzlich die Masse abziehen und nur noch fünfzig Besucher vor der Riesenbühne stehen lassen, fiele die schillernde Illusion in Sekunden in sich zusammen. Ohne die erdrückende Menschenmenge als notwendige Dekoration bliebe nur ein erschreckend steriler Industriepark mit Flutlicht übrig. Global betrachtet existiert der Geist der alten Zeit zwar noch auf Veranstaltungen wie dem Ozora Festival official in Ungarn oder vielen ausgewählten Festivals in Portugal und Südamerika, doch die deutschsprachige Industrie hat die Freiheit längst der behördlichen Planbarkeit und der unbedingten Gewinnmaximierung geopfert. Wer diesen Absturz hinter sich gelassen hat und heute mit absoluter, ungetrübter Klarheit auf das Spektakel blickt, durchschaut den falschen Zauber sofort. Die großen Events spielen der aktuellen Generation lediglich eine Kultur vor, die sie hinter den Kulissen selbst schon vor zwanzig Jahren zubetoniert haben.