Es muss so 1996 oder '97 gewesen sein. Die Neunziger also. Die Zeit, als man noch ungestraft Kohlenhydrate aß und das größte Problem der Deutschen darin bestand, ob Jan Ullrich rechtzeitig in Form kommt. Ich lag mit einer, nennen wir es mal „Acht-Wochen-Bettgeschichte“, auf der Couch. Ein Mädchen mit Stil übrigens, was man daran erkannte, dass sie auf der Fernbedienung herumdrückte und ausgerechnet bei Harald Schmidt hängenblieb.

Ich lag da und dachte: „Dein Ernst? Der Schnösel?“ Sie sagte nur: „Guck doch erstmal, der ist gut.“ Also guckte ich. Eher bereitwillig als überzeugt. Ein paar Tage später, wieder allein vorm Fernseher, zappte ich durch den Äther und da war er wieder. Und plötzlich machte es Klick. Da war mir klar: Den musst du dir merken.

Was wir an diesem Abend auf der Couch sahen, ahnten wir damals natürlich nicht: Wir sahen das Ende der Freiheit im deutschen Fernsehen. Wir wussten es nur noch nicht, weil es sich anfühlte wie der Anfang von etwas Großem.

Harald Schmidt machte damals etwas völlig Absurdes: Er machte einfach Fernsehen. Ohne Sicherheitsnetz. Ohne den redaktionellen Beipackzettel, der dem Zuschauer erklärt, wann er klatschen, wann er betroffen gucken und wann er sich gefälligst zu empören hat. Er hatte keine „Haltung“, er hatte Intelligenz. Heute wird das ja gerne verwechselt. Heute setzen sich zwölf mediengeschulte Konsens-Zombies in eine Talkshow und erbrechen vorgekaute Betroffenheitslyrik, bis alle im Studio nicken. Das nennt man dann Diskurs.

Stellen Sie sich mal für eine Sekunde vor, Schmidt würde heute mit einer neuen Late Night im Öffentlich-Rechtlichen oder bei einem der großen Privaten anheuern. Die Rechtsabteilung würde doch noch während der Titelmelodie geschlossen hyperventilieren. In den Redaktionen säßen PR-Krisenmanager, die bei jedem Halbsatz prüfen müssten, ob der Witz möglicherweise eine Mikrobe auf Twitter triggert.

Schmidt würde heute schon am Pförtner scheitern. Nicht, weil er böse Dinge sagt. Sondern weil die Sender nur noch eines haben: Schiss. Nackte, auf Quoten und Shitstorms hochgerechnete Panik.

Wir leben in der Blütezeit der Empörungsindustrie. Eine gigantische, gut geölte Maschine, die jeden Tag frisches Futter braucht. Da wird am Morgen ein aus dem Kontext gerissener Satz in die Manege geworfen, mittags tobt der digitale Mob, abends gibt es eine Sondersendung zur „Verrohung der Sprache“, und am nächsten Tag kriecht der Delinquent medienwirksam zu Kreuze und gelobt Besserung.

Nehmen wir doch nur mal dieses ominöse Maaßen-Foto, wegen dem sich Schmidt kürzlich den medialen Zorn zugezogen hat. Das ist doch die perfekte Fallstudie für den Zustand unserer hochgelobten Meinungsfreiheit. Hans-Georg Maaßen! Jahrelang der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Der Chef-Hüter, der oberste Wachhund der Nation. Ein Mann, den der Staat selbst auf den höchsten sicherheitspolitischen Hochsitz der Republik gehievt hat, um das Land zu behüten.

Aber Vorsicht! Kaum verlässt dieser Mann den millimetermarginierten Meinungskorridor und wagt es, seine eigene, abweichende Meinung auszusprechen, wird in den Redaktionen der dicke rote Panik-Knopf gedrückt. Gestern noch der oberste Schützer der Demokratie, heute schon Staatsfeind 2.0. Der Mann wurde medial schneller exkommuniziert, als Sie „Cancel Culture“ auch nur buchstabieren können. Die Falltür der Meinungsfreiheit geht eben verdammt schnell auf, wenn man das falsche Lied pfeift.

Und Harald? Der beobachtet dieses Treiben wie ein Entomologe, der auf einen Ameisenhaufen guckt. Entschuldigt er sich? Distanziert er sich brav, wie es der mediale Anstand heute verlangt? Nein. Statt sich heulend in die nächste Talkshow zu setzen und um mediale Vergebung zu winseln, stellt er sich grinsend daneben, nennt das Foto „ikonisch“ und spielt in der „Trump-Liga“. Er gibt der Empörungsindustrie nicht den Treibstoff der Rechtfertigung. Er gibt ihr den Mittelfinger der vollendeten Ironie. Weil er genau weiß, dass die hyperventilierenden Berufs-Eiferer jetzt völlig hilflos im Dreieck springen. Niemand hasst ironische Distanz mehr als Leute, die von Beruf empört sind. Es gibt für sie nichts Schlimmeres, als wenn ihr Gegenüber sie einfach nicht ernst nimmt.

Wir jammern heute gerne, dass ein Typ wie Schmidt im Fernsehen fehlt. Aber machen wir uns nichts vor: Er bräuchte heute nicht nur einen eigenen Sender, er bräuchte ein eigenes Land. In einem Biotop, in dem Comedians glauben, sie seien politische Leitartikler, und Journalisten glauben, sie seien Aktivisten, ist für einen Souverän wie ihn kein Platz.

Das Fernsehen von heute ist betreutes Denken. Es ist ein gepolsterter Raum für eine Gesellschaft, die Ironie für eine meldepflichtige Krankheit hält. Schmidt fehlt nicht, weil er die besseren Witze hatte. Er fehlt, weil er uns jeden Abend daran erinnert hat, dass man den ganzen Irrsinn um uns herum auch einfach mal auslachen kann, ohne gleich einen Stuhlkreis zu bilden.

Aber hey, trösten wir uns. Wir haben jetzt unzählige Meinungskanäle, Wohlfühl-Podcasts und Moderatoren, die uns nach jedem Witz erklären, dass es nur ein Witz war. Hätte mir das '96 auf der Couch jemand prophezeit, ich hätte sofort umgeschaltet.