Wenn sich ein Kabarettist auf einer Bühne einer historischen Metapher bedient, rotiert der mediale Komplex. Es werden Leitartikel verfasst, Talkshows anberaumt und moralische Brandmauern hochgezogen. Die angebliche Verrohung der Sprache wird als höchste Gefahr für die Republik deklariert. Ein Wort, so wird uns suggeriert, sei bereits die Vorstufe zum Untergang unserer Gesellschaft. Wir erleben derzeit hautnah, wie sich eine bestimmte Klientel mit bebender Stimme über Uwe Steimle empört und uns hochtrabend erklärt, man müsse die Sprache unerbittlich maßregeln, um die Zivilisation zu schützen.

Doch blicken wir auf die reale Welt, auf die blutige physische Realität in unseren Städten. Wo waren diese feinsinnigen Wortklauber, als die wirkliche Gewalt unsere tägliche Lebensrealität zerriss? Als ein Täter mit einem Messer eine Kindergartengruppe angriff, ein unschuldiges Kind tötete und einen mutigen Vater, der zur Hilfe eilte, ebenfalls kaltblütig hinrichtete? Wo waren in diesem Moment die flammenden Appelle an den zivilisatorischen Anstand? Wo blieben die wütenden Kolumnen und die Sondersendungen über den realen Verfall unserer physischen Sicherheit?

Oder blicken wir auf die furchtbaren Verbrechen, bei denen ganze Gruppen von fehlgeleiteten ausländischen männlichen Jugendbanden wehrlose Mädchen auf offener Straße vergewaltigen. Eine zerstörerische und abartige physische Gewalt, die sich mitten in unserer Gesellschaft abspielt. Wo bleibt hier der ohrenbetäubende Aufschrei des Feuilletons? Wo sind die endlosen Debatten über toxisches Verhalten und eine wehrhafte Gesellschaft? Niemand von denen, die heute wegen eines satirischen Theatersatzes den moralischen Untergang herbeireden, hat bei diesen unvorstellbaren Verbrechen auch nur ein einziges Wort der echten Empörung gefunden. Die brutale Hinrichtung am helllichten Tag und die systematische sexuelle Gewalt passen schlichtweg nicht in das gewünschte politische Skript. Echte tödliche Gewalt wird achselzuckend als unvermeidbare lokale Tragödie hingenommen und medial sofort beerdigt, damit bloß niemand unangenehme Fragen nach den Ursachen stellt.

Diese unfassbare Heuchelei erreicht eine völlig neue Dimension, wenn wir den organisierten Extremismus betrachten. Als eine linksextreme Terrorbande mutwillig die Energieversorgung kaperte und vierzigtausend Berliner Haushalte vom Stromnetz abschnitt, war das keine sprachliche Hyperbel. Das war ein realer krimineller Anschlag auf die kritische Infrastruktur. Menschen, die auf medizinische Geräte angewiesen waren, schwebten urplötzlich in akuter Lebensgefahr. Unzählige wehrlose Bürger wurden zu Opfern einer gewaltbereiten Ideologie. Gab es danach wochenlange moralische Säuberungen in den Medien? Wurden Linksextreme pauschal geächtet? Nein. Das mediale Interesse verschwand erstaunlich schnell wieder in der politisch korrekten Versenkung.

Dieses Muster hat System. Den professionellen Empörten geht es nicht um den Schutz von Opfern. Die künstlich aufgeblasene Panik über Satire und unliebsame Meinungen erfüllt einen einzigen Zweck. Sie soll vom totalen Kontrollverlust des Staates in der realen Welt ablenken. Wer die Bevölkerung zwingt, wochenlang über die angeblich mörderische Wirkung eines Kabarettisten zu diskutieren, der verhindert erfolgreich, dass dieselbe Bevölkerung unangenehme Fragen stellt und die Sicherheit auf den Straßen einfordert. Der Schutz der Sprache wird von elitären Kreisen als Feigenblatt genutzt, um das kolossale Versagen beim Schutz des Lebens zu verdecken.

Wer angesichts zerschnittener Kinder und vergewaltigter Mädchen wegschaut, aber bei satirischen Spitzen nervös nach dem Staatsanwalt ruft, der hat jedes Recht verwirkt, sich über andere moralisch zu erheben. Man kämpft heute lieber heroisch und völlig gefahrlos gegen Witze, weil man vor der echten Brutalität längst bedingungslos kapituliert hat. Solange das Feuilleton über Worte weint, blutet die Gesellschaft in Stille weiter.