Es ist ein Schauspiel, das berechenbarer kaum sein könnte: Ein Kabarettist macht auf der Bühne einen Witz. Die Pointe spielt mit Doppeldeutigkeiten. Und sofort stehen sie bereit, die strengen Hüter des Sagbaren, um aus einem harmlosen Wortspiel einen handfesten Staatsakt zu konstruieren. Der Fall Uwe Steimle liefert dafür gerade ein absolutes Lehrbeispiel.
Was war passiert? Uwe Steimle, auf der Bühne in seinem Element, erzählt eine Anekdote über ein Porträt von Angela Merkel. Er jongliert mit Begriffen: Ein Bild, ein Nagel, das „Sitzen“, das „Hängen“, das „an die Wand stellen“. Es ist das klassische kleine Einmaleins des Kabaretts, die bewusste, augenzwinkernde Ambiguität. Jeder im Saal versteht die Mechanik dieses Witzes.
Draußen jedoch, in den Kommentarspalten und Empörungsblasen, beispielhaft vorgeführt durch Beobachter wie Hans-Egbert von Arnim, beginnt ein ganz anderer Mechanismus zu greifen: das bewusste und geradezu böswillige Falschverstehen.
Wer in einem pointierten Text über ein abzustellendes Gemälde sofort Exekutionskommandos und Mordaufrufe sieht, der verrät am Ende des Tages deutlich mehr über seine eigenen, tief sitzenden Gewaltfantasien als über den Künstler auf der Bühne. Es ist eine schamlose Projektion: Die inneren Abgründe des Kritikers werden dem Künstler in den Mund gelegt, um sich anschließend künstlich und lautstark darüber empören zu können.
Das eigentlich Erschreckende an dieser Debatte ist jedoch die kognitive Dissonanz und absolute Doppelmoral der selbsternannten Sittenwächter. Das Prinzip ist ebenso durchschaubar wie gefährlich:
Einerseits weigert man sich strikt, der Kunst den zwingend notwendigen Spielraum der Doppeldeutigkeit zuzugestehen. Ein Witz auf der Bühne wird plötzlich pedantisch, bierernst und völlig wortwörtlich seziert, als handele es sich um ein Bekennerschreiben. Andererseits greift man sich glasklar definierte, rechtlich bindende Gesetze, wie etwa den Straftatbestand der Volksverhetzung und beginnt, diese solange zu dehnen, zu verbiegen und zu interpretieren, bis sie einem als Waffe gegen den unliebsamen Künstler in den Kram passen.
Kurzum: Beim Witz ignoriert man den Kontext, beim Gesetz den Wortlaut. Hauptsache, das Ergebnis passt in das eigene, vernichtende Narrativ.
Wie extrem und gefährlich diese rechtliche und moralische Schieflage mittlerweile ist, zeigt sich drastisch, wenn man den Maßstab an anderer Stelle anlegt: Während ein doppeldeutiger Kabarett-Witz über einen Bilder-Nagel sofort die Rufe nach dem Staatsanwalt und der maximalen Härte des Gesetzes auslöst, lässt man an anderer Stelle echte, unzweideutige Extremisten geradezu ungestört gewähren. In Hamburg konnten jüngst islamistische Gruppierungen völlig unironisch auf die Straße gehen und offen das Kalifat oder die Scharia fordern. Dass diese Forderungen dem deutschen Grundgesetz und unserer demokratischen Grundordnung diametral und unmissverständlich entgegenstehen, ohne jeden satirischen doppelten Boden, schien juristisch plötzlich kaum jemanden zu stören. Da wurde das Grundgesetz urplötzlich extrem tolerant ausgelegt. Auf der Theaterbühne wird wegen eines Wortspiels die angebliche Volksverhetzung ausgerufen, aber wenn auf der Straße Fundamentalisten die Abschaffung unserer verfassungsmäßigen Ordnung fordern, wird die Meinungs- und Versammlungsfreiheit als schützender Schild hochgehalten. Ein absurderes Messen mit zweierlei Maß lässt sich kaum erfinden.
Dabei wird die Realität des Kabaretts geflissentlich ausgeblendet. Wer sich den Auftritt ansieht, stellt fest: Mimik, Gestik und der gesamte Duktus von Uwe Steimle sind meilenweit von jeglichem Extremismus entfernt. Er hält keine fanatische Rede, er macht Spaß. Es ist das Spiel mit der Provokation, das hier absichtlich skandalisiert wird.
Wie haltlos und absurd diese künstliche Skandalisierung im Kern ist, zeigt sich sofort, wenn man die Logik der Empörten einmal konsequent zu Ende denkt: Das Publikum vor Ort hat die satirische Pointe verstanden. Hunderte Menschen haben gelacht und applaudiert.
Folgt man nun der absurden Argumentation, Steimle hätte hier ernsthaft zu Mord und Gewalt aufgerufen, dann dürfte kein Staatsanwalt der Welt nur den Künstler ins Visier nehmen. Er müsste konsequenterweise den kompletten Saal vorladen. Denn demnach hätten dort Hunderte von Menschen schwerste Gewalttaten beklatscht und billigend in Kauf genommen.
Dass dieser Gedanke völlig lächerlich ist, ist der ultimative Beweis für die Hohlheit der Vorwürfe. Es geht hier nicht um den Schutz von Politikern oder der Demokratie. Es geht darum, missliebigen Humor zu marginalisieren, indem man das Strafrecht zur Gesinnungswaffe umfunktioniert. Wer das verteidigt, hat nicht nur Satire nicht verstanden, er hat auch ein sehr seltsames Verhältnis zum Rechtsstaat.